Das Visa-Procedere


Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft dürfen eigentlich ohne Visum in die Ukraine einreisen. Dieses Angebot gilt aber nur solange die Aufenthaltsdauer 90 Tage innerhalb der letzten 180 Tage nicht überschreitet. Da wir hier etwas länger eingeplant haben, mussten wir uns also an die Beantragung unserer Visa machen. Besonders interessant ist das, weil Visa nur zum Zweck der einmaligen Einreise ausgestellt werden und darüber hinaus eine ordentliche Aufenthaltsgenehmigung fällig wird. Der Umfang des Procedere um unsere Legalität in der Ukraine wurde uns häppchenweise bewusst, zuverlässige Informationen sind im Netz rar. Folgend beschreibe ich unsere Erfahrungen, die als Ergänzung zu den Anweisungen der ukrainischen Botschaft und unseres Auswärtigen Amtes zu sehen sind.

Alles beginnt mit der Beantragung eines Visum, bei dem zuständigen ukrainischen Konsulat in Deutschland. Für Bayern und Baden-Württemberg ist das Generalkosulat in München zuständig. Generalkonsulat hört sich zunächst mächtig an, tatsächlich handelt es sich aber um ein überschaubares Büro mit wenig Personal. Es ist absolut empfehlenswert, dort zeitig – 15 bis 30 Minuten vor Öffnung – zu erscheinen, da es sonst aufgrund zu langer Warteschlange schon mal passieren kann, dass man gar nicht angehört wird. Ist man dann an der Reihe ist der eigentliche Antrag kein großer Akt mehr, sofern alle Unterlagen vorliegen:

Medical incl. HIV-Test
Es wird ein ärztliches Zeugnis über eure Gesundheit verlangt, welches vom zuständigen Amt unterzeichnet wurde. Das zuständige Amt ist das Gesundheitsamt eures Landkreises. Vermutlich hilft euch die Verwendung des Begriffs „Medical“ weiter, da für die USA wohl ein vergleichbares Dokument nötig ist und die Beamten damit eher vertraut sind. Von Botschaft und unserem Auswärtigen Amt wird hervorgehoben, dass in diesem Zeugnis ein HIV-Test enthalten sein muss.

Bildungszeugnis
Letztes Zeugnis inkl. Fachnoten. In unseren Fällen waren das Abitur- bzw. Bachelorzeugnis.

Geburtsurkunde
Bekommt ihr auf dem Standesamt eures Geburtsortes.

Einladung
Um ins Land gelassen zu werden, ist eine Einladung notwendig. Diese Einladung stellt euch die Taras Shevchenka Universität aus. Im Hintergrund passiert eine digitale Registrierung der Einladung in einem System der Botschaft. Ohne diese Einladung kann der Botschafter das Visum nicht ausstellen, was unter Umständen zu Verzögerungen führt.

Reisepass
Beachtet, dass er mehrere Monate über das Ende eures Aufenthaltes gültig sein muss.

Ausgefülltes Formblatt
Gibt es auch vor Ort im Konsulat und kann während der Wartezeit ausgefüllt werden.

Passbilder
Im ersten Schritt zwei. Im Verlauf des Prozesses waren insgesamt locker6 Stück notwendig.

Nachweis über Krankenversicherung, welche im Land gültig ist.

Übersetzungen
Der Visaantrag ist für deutsche Staatsbürger kostenfrei, aber hier kommt der finanzielle Knackpunkt. Medical, Zeugnis und Geburtsurkunde müssen ins ukrainische übersetzt werden. Das kostet in unserem Land richtig Geld und Nerven. Außerdem ist uns nicht ganz klar geworden, für was diese überhaupt gebraucht werden. Es machte etwas den Anschein, als ob es auch ohne gehen könnte, und je nach Laune des Konsuln nicht genau hin geschaut wird. Uns wurde mitgeteilt, dass die Übersetzungen spätestens im Land notwendig werden, das war aber nicht der Fall.

Apostillen
Medical, Zeugnis, Geburtsurkunde und Übersetzungen müssen legalisiert werden. Die Idee dahinter ist, dass die jeweils höchsten Einrichtungen, die der ausstellenden Behörde übergeordnet sind, die Echtheit der vorliegenden Unterschrift bestätigen. Das Medical und die Geburtsurkunde gehen also zum Gesundheitsministerium, das Zeugnis zum Kultusministerium und die Übersetzungen zum Landgericht welches den Übersetzer vereidigt hat. Für jede Apostille werden etwa 10 Euro , zwei Tage Postweg und 3 Tage Bearbeitungszeit fällig.

Kopien
Originale Dokumente und beglaubigte Kopien werden vom Konsulat nicht einbehalten. Für das Archiv sind simple Kopien aller im Original vorgelegten Dokumente notwendig.

Die Bearbeitung des Antrages an sich dauert offiziell mindestens 14 Tage. Nur in Ausnahmefällen darf das Visum schon vorher abgeholt werden. Der Generalkonsul hat ziemlich viel Macht und waltet wie es scheint nach eigenem Ermessen. Auch wenn er je nach Tagesform etwas mürrisch daher kommt, ist unbedingt darauf zu achten, sich gut mit ihm zu stellen. Das Erscheinen als Gruppe mit demselben Anliegen vereinfacht ihm wie euch das Leben und gibt ihm Raum für Ungenauigkeiten. Ich würde versuchen dort vorzusprechen und den Antrag durchzubekommen, sobald die apostillierten deutschen Dokumente vorliegen. Mit etwas Glück und Geschick klappt es ohne die teuren Übersetzungen, andernfalls ist es kein Problem explizit geforderte Dokumente nachzureichen. Bestenfalls ist das beim Abholen des Visums möglich.

Hat alles geklappt, haltet ihr ein 45-Tage Visum für einfache Einreise in Händen. Am Flughafen werdet ihr dann feststellen, dass sich die Grenzbeamten darum wenig scheren und euch wie einen normalen Touristen einstempeln. Notwendig ist das Visum aber für eure Aufenthaltsgenehmigung. Hierzu halte ich mich kurz, das International Office vor Ort führt euch durch die verschiedenen Instanzen. Es werden Übersetzungen vom Pass angefertigt und Passbilder gemacht. Ihr müsst eine Versicherung abschließen und mehrere Wochen euren Pass hinterlegen. Irgendwann sind eure Dokumente fertig und ihr erhaltet auf dem Migrationsamt eine passähnliche Aufenthaltsgenehmigung. Danach muss innerhalb von 10 Tagen euer Wohnsitz registriert werden. Mit einer Bestätigung vom Wohnheim müsst ihr euch auf einer Behörde des entsprechenden Stadtteils melden. Hier kommt es wenn ihr euch dumm anstellt zu immensen Wartezeiten. Erscheint morgens bei Öffnung und zieht möglichst als erster einen Wartezettel aus dem Automaten. Schlimmstenfalls sitzt ihr dort mehrere Stunden, um dann wegen zu langer Schlange weggeschickt zu werden. Weil von dort eure Aufenthaltsgenehmigung zur Bearbeitung weitergereicht wird und gerne mal ein paar Tage rumliegt, ist die zehntägige Deadline mehr als ernst zu nehmen. Nach einer weiteren Wartezeit von etwa einer Woche ist eure gestempelte Aufenthaltsgenehmigung abholbereit und eure Registrierung abgeschlossen. All die Schritte vor Ort kosten jeweils ein bisschen Geld, verglichen mit den Kosten für die nicht genutzten Übersetzungen sind das aber alles Peanuts.

Vor der Ausreise am Ende eures Aufenthaltes muss eure Registrierung wieder rückgängig gemacht werden. Dazu folgt eventuell später noch eine kleine Ergänzung, aber vermutlich läuft es genau gleich ab, wie die Registrierung selbst.

Ein Gedanke zu „Das Visa-Procedere“

  1. Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung. Das wird eine große Hilfe für die zukünftigen Kiew-Fahrer sein. Es wird für sie sicher einfacher, weil ich jetzt auch das gesamte Prozedere kenne und diese Erfahrungen bei der Beratung miteinbeziehen kann. Das hauptsächliche Problem bei dem Prozedere war meiner Meinung nach, dass man unterschiedliche Informationen, zum Beispiel bei der Notwendigkeit einer Übersetzung, bekommen hat. Wichtig ist es vor allem, rechtzeitig mit den Vorbereitungen anzufangen, also sobald Sie sich dazu entschlossen haben, in Kiew zu studieren.

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